Spürnase winzige Pfote ermittelt (1)

Wie damals alles seinen Anfang nahm…

„Darf ich mich Dir vorstellen, werte Leserin und werter Leser?

– Mein Name ist Fipro, Fipro Winzig, aber die meisten unbescholtenen Bewohner des Auenlandes kennen mich wohl eher unter meinem berüchtigten Ruf als die „Spürnase winzige Pfote“.

Winzige Pfote – das ist auch der Name meiner kleinen und bescheidenen, aber zugleich feinen Schreibstube im Dorf Hafergut, oberhalb der letzten Hügel das Auenlandes, nahe Bullenrasslers Wiese am Rande Evendims, wo ich mich seit einigen Jahren als neugieriger Nachbarschaftsermittler selbstständig gemacht habe.

Und genau das ist auch meine Berufung – gestatten, ich bin der „Nachbarschaftsermittler winzige Pfote“ und immer dort zur Stelle, wo die eifrigen Grenzerinnen und Grenzer des Auenlandes keine Zeit oder auch kein Personal oder beides mehr erübrigen können, nämlich bei mittel- und langfristigen Angelegenheiten in unseren werten Gemeinden vor Ort.

Ich bin mit meinen Ermittlungen immer dann gefragt, wenn es um ungeklärte Kuchenentführungen, seltsame Geräusche spät in der Nacht aus den tiefen Gewölben der hauseigenen Speisekammer, um ein vermisstes Haustier oder aber auch um den Diebstahl von ungelegten Hühnereiern geht – bisher war mir kein einziger Fall zu heikel oder ich mir zu stolz, um meinen geschätzten Nachbarn in den umliegenden Regionen bei ihren Nöten auszuhelfen und dabei den Dingen auf den Grund gehen zu können, die in den Amtsstuben für gewöhnlich liegen bleiben und als sogenannte „ungelöste Fälle“ zu den Akten gelegt werden, auf dass sich diese Fälle im Keller zu Hauf stapeln lassen.

Für meine Arbeit als Nachbarschaftsermittler habe ich mich schon seit etlichen Jahren von meinem alten Beruf als Tischler verabschiedet, aber die Tischlerei „winzige Möbel“ in Hafergut gibt es immer noch heute, auch wenn sie mir jetzt eher als kleinere Schreibstube für meine Unternehmungen dienlich ist. Schließlich brauche ich als Ermittler auch eine eigene Adresse, unter der ich mit Behörden dienstlich korrespondieren und auch Briefe von Hobbits annehmen kann, wenn ich von ihnen um Hilfe gebeten werde. Aber das sind wieder andere Geschichten, die ich zu gegebener Zeit hier erzählen kann.

Zunächst wirst Du Dich sicherlich fragen, wie ist ein Tischler aus Hafergut überhaupt zu einem Nachbarschaftsermittler mit dem Spitznamen ‚Spürnase winzige Pfote‘ im Auenland geworden? Und woher stammt der Name winzige Pfote eigentlich?

Nun ja, das sind natürlich berechtigte und gewichtige Fragen Deinerseits, die ich Dir gerne mit diesem ersten Artikel über mich und meine Arbeit beantworten möchte. Der liebe Beriamond Bachufer hatte mich ja neulich darum gebeten, meine Abenteuer als Nachbarschaftsermittler für den Auenländer Boten als eine Art fortschreitende Geschichte für Dich aufzuschreiben und so ist es geplant, dass ich meine Erlebnisse in jeder neuen Ausgabe erzähle, damit ich Dich daran teilhaben lassen kann, was mir beruflich in all den Jahren so untergekommen ist.

Aber wie beginnt man eine derartige Geschichte?   

Uff, das ist jetzt eine Herausforderung für mich. Wie wäre es vielleicht damit, ich berichte zu allererst davon, wie damals, vor so vielen Jahren, alles mit meinem Hund Pfote seinen Anfang nahm, dem seither treusten Freund und meinem stetigen Begleiter, dem ich nicht nur das ein ums andere Mal mein Leben zu verdanken hatte, sondern ihm auch sehr dankbar dafür bin, dass seine kalte Schnauze schon so manchen unserer Fälle aufklären konnte, aber nun erst einmal alles schön behutsam der Reihe nach.

Meine Geschichte als Nachbarschaftsermittler begann einige Zeit bevor ich überhaupt über einen Namen als Spürnase nachgedacht hatte und zwar mitten im beschaulichen Dörfchen Hafergut, wo ich als junger Hobbit bei meinen lieben Großeltern, Renate und Dieter Winzig, aufgewachsen bin, zwei tolle Hobbits, die es zugegebenermaßen nicht leicht mit mir hatten.Ich war damals als Tween ein echter Lausbube und hatte eigentlich nichts als Flausen im Kopf und Faxen im Sinn und so kam es auch, dass sich die umliegenden Nachbarn jeden Tag bei meinen geschätzten Großeltern über mein Betragen auf den Straßen des Dorfes und auch über meine neugierige Art, ihnen Fragen über ihre Arbeit und das Leben zu stellen, beschwerten.

Der winzige Bengel ist nicht ganz richtig im Kopf und muss eine ordentliche Tracht Prügel verpasst bekommen, damit er wieder gescheit wird.  

Höre ich den alten Hinz Stolzfuss heute noch immer vor Opa Winzig über mich schimpfen, als ich lediglich ein paar der süßen Birnen von seiner Obstwiese gemopst hatte. War das etwa so schlimm? Das waren damals doch nur Jugendsüden oder etwa nicht? Aber ich schweife ab…

Wie dem auch sei, in jenen Tag begab es sich nun, dass ein bekannter Schausteller namens „Balomil der Rote“ in unserem Dörfchen Hafergut gastierte und mit seinen drei Hunden, die alle Artisten waren, kleinere Kunststücke für ein zahlendes Publikum aufführte, indem er die Hunde dazu antrieb, bestimmte Bewegungsabläufe auszuführen. Natürlich sollten vor allem wir Kinder damit begeistert werden und unsere Familien dafür löhnen, doch, was alle anderen nicht so richtig sahen oder gar nicht sehen wollten, war die grundlegende Tatsache, dass jener Balomil seine Tiere, allen voran einen kleinen schwarz-weiß gefleckten Jagdhund, ganz offensichtlich stark misshandelte. Die armen Hunde litten unter großer Angst vor ihrem Herrchen, das sah ich ganz deutlich, denn einige von ihnen zitterten gar und ich sah am kleinen Jagdhund, wie stark der Mensch diesen Hund bestrafte, wenn einmal die Kunststücke nicht so funktionierten, wie Balomil es von dem Kleinen erwartete.

Am ersten Tag seiner dreitägigen Vorstellung in Hafergut hatte ich bereits Mitleid mit den armen Tieren und machte mir Sorgen um den kleinen Jagdhund. Aber am zweiten Tag fehlte der kleine Jagdhund dann plötzlich völlig und nur die größeren zwei Hunde vollführten einige komplizierte Figuren in der Manege für die jubelende Hobbitmenge aus der Region.

Entrüstet und voller Enttäuschung über dieses Schauspiel verließ ich das provisorisch aufgebaute Zelt, in dem das Spektakel vollzogen wurde und suchte in der Nähe nach dem Wagen von Balomil während die Vorstellung im Zelt weiterging und alle Anwesenden lautstark klatschten und lachten.

Ein leichtes Winseln war ganz nah am Wagen zu hören und als ich dichter zu diesem trat, hörte ich es um so deutlicher aus dem Inneren des Wagens heraus, daraufhin stemmte ich das kleine Fenster auf, das von außen angewinkelt gewesen war und zwängte mich schließlich unter großen Mühen in das Innere des Wagens von Balomil.

Was ich dort sah, entsetzt mich noch heute, der kleine Jagdhund lag mit einer schweren Flachsleine angebunden auf einer schmalen und flachen Holzpritsche, er hatte zusätzlich mehrfach einen engen Maulkorb um seine Schnauze gebunden bekommen und das Furchtbarste von allem für mich war, dass sein linkes Hinterbein stark angeschwollen und leicht blutig aussah, vielleicht war es gebrochen? Wie kann man ein Tier nur mit derartigen Schmerzen gefesselt und eingesperrt zurücklassen? Das kleinlaute Winseln des Hundes rührte mich leich zu Tränen und ich streichelte ihm sanft seinen Kopf, derweil ich mir bereits klar war, was ich hier zu unternehmen gedachte.

Was ich dort sah, reichte mir aus, um mich für die nächsten, wenn auch schwerwiegenden Schritte zu entscheiden. Ich suchte nach einem scharfen Gegenstand im Wagen, befreite sodann mit einem dünnen Buttermesser den kleinen Jagdhund von seinen Fesseln sowie dem Maulkorb, presste ihn sogleich eng an mich und versteckte ihn unter meiner roten Jacke, dann entriegelte ich von Innen die Tür des Wagens und verließ langsam das Gelände, auf dem sich dieser befand.

Auf dem ganzen Weg vom Wagen Balomils zurück zum Smial meiner Großeltern streichelte ich den kleinen Hund, der anfangs etwas ängstlich an meiner Brust kauerte, unentwegt, um ihm die Angst zu nehmen und ich spürte, wie sein Zittern allmählich auf der Wegstrecke nachließ und er immer ruhiger atmete, als wir schließlich endlich die Tür meiner Großeltern erreicht hatten. Ich weiß noch, als Oma Winzig den Hund sah, ahnte ihr Böses.

Denn natürlich blieb das Verschwinden des kleinen Hundes von seinem Besitzer nicht lange unbemerkt, sodass bereits ein paar Stunden später ein Grenzer bei uns an die Smialstür anklopfte, mit dem Schausteller Balomil in seinem Schlepptau. Ein Graus. Jemand musste mich verpetzt haben.

Ich erspare Dir nun die Einzelheiten darüber, aber sicherlich kannst Du Dir vorstellen, dass ich vom Grenzer sofort dazu aufgefordert worden bin, den Hund seinem rechtmäßigen Besitzer wieder zurückzugeben. Ich wehrte mich entschieden dagegen und schrie zum ersten Mal in meinem jungen Dasein meine lieben Großeltern an, dass es doch Unrecht und der Hund bei mir doch viel besser aufgehoben wäre, als bei diesem schrecklichen Menschen, der ihn ganz offensichtlich misshandelte und körperlich quälte.

Aber wer hört schon auf einen wütenden Tween?  

Ich weinte viel an diesem Tag und sehe es noch immer deutlich vor mir, wie Balomil den armen Hund wieder an sich nahm und mich dabei von oben herab breit angrinste und mir affektiert zuwinkte, als er sich davonstahl.

Das war einer meiner schlimmsten Tage in meinem jungen Leben.

Am nächsten Tag reiste Balomil in Richtung Norden weiter und sein Wagen polterte die holprige Hügelstraße am Nordende Haferguts hinauf. Voller Verbitterung sah ich dem kleinen Wagen hinterher, wie er langsam immer kleiner wurde und trottete dann voller Traurigkeit hinterher, nur, um am Ortsausgang inne zu halten und erneut die Fassung zu verlieren.

Auch an diesem Tag fiel ich wieder innerlich zusammen und meine liebe Oma sah den Schmerz in ihrem kleinen Enkel und drängte schließlich meinen Opa dazu, nun doch endlich etwas dagegen zu unternehmen.

Und so fasste sich Opa Winzig ein Herz und nahm sein teuer verdientes Geld, das er für seine Tischlerarbeiten als Handwerker verdient und viele Sommer lang angespart hatte, bezahlte damit ein Mietpony bei den örtlichen Ställen und ritt dem Schausteller Balomil flink in Richtung Norden hinterher.

Und, nun ja, was soll ich sagen?

So geschah es dann, dass Opa Winzig mit dem kleinen Jagdhund in seiner rechten Armbeuge auf dem Mietpony nach Hafergut zurückgeritten kam und ich alle freudestrahlend am nördlichen Ortseingang begrüßte und laut jubelte.

Noch heute hallen mir die Worte meines Opas in der Erinnerung nach, die er bei seiner Rückkehr damals zu mir sprach:

Um das Unrecht in unserer Welt zu bekämpfen und sie ein kleines bisschen besser zu machen, sollte kein Preis zu hoch sein Fipro.

Dann wuschelte er mir durch mein rotes Haar, gab mir den kleinen Hund in meine Arme und fügte dabei noch schnell hinzu:

Und dennoch wirst du mir einerseits diesen Sommer in der Tischlerei aushelfen und die Summe bis auf den letzten Kupferling abarbeiten müssen, die ich soeben für diesen Hund ausgegeben habe und andererseits hast du nun auch die Verantwortung für ein Lebewesen übernommen, Fipro. Ab heute wirst du weniger Tween und mehr ein jähriger Hobbit sein.

Wie glücklich ich doch an diesem Tag war, aber die letzten Worte meines lieben Opas noch nicht ganz verstehen konnte, da ich noch zu jung war. Aber heute, rückblickend betrachte, verstehe ich sehr gut, was er mir damit einst sagen wollte.

Seit diesem Tag sind der kleine Jagdhund und ich einfach unzertrennlich, ich pflegte ihn zunächst wieder kerngesund, kümmerte mich gut um ihn und erzog ihn, so gut ich eben konnte. Einige Sommer des gemeinsamen Spielens folgten, bis wir beide dann mit unserem allerersten Fall mehr oder weniger unfreiwillig beauftragt worden sind, aber das ist dann eine andere Geschichte, die ich Dir in der nächsten Ausgabe erzählen werde.

Und ja, Du hast richtig geraten – der kleine weiß-schwarz gefleckte Jagdhund, den Opa Winzig dem Schausteller Balomil an jenem Tag abgekauft hatte, wurde von mir liebevoll„Pfote“ genannt und sitzt gerade neben mir, wo ich diese Zeile schreibe. Und seine linke Pfote ist wieder vollständig verheilt.

Zusammen wurden wir zwei zur Spürnase winzige Pfote.

Fipro Winzig für den Auenland Boten

5 Gedanken zu „Spürnase winzige Pfote ermittelt (1)

  1. Da bin ich aber froh, dass euer Vater so weise gehandelt hat und wir uns nun auf die Abenteuergeschichten von zwei Spürnasen freuen dürfen.

    Was ist eigentlich aus den anderen beiden Hunden geworden? Ob die noch bei diesem Balomil leben müssen?

    Gefällt 1 Person

  2. Oh, soweit ich mit Fipro darüber gesprochen habe, wird er nochmal in einer späteren Ausgabe auf Balomil und seine Hunde zurückkommen lieber Waido!
    Wie schön, dass euch beiden die Geschichte gefällt, das wird unseren Fipro freuen und ihn motivieren, weiterzuschreiben!

    Gefällt 1 Person

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