Das Fest des alten Valendoc

Muhme Seburga plaudert aus dem Nähkästchen

Huhu liebe Leser! Heute habe ich mal eine wirklich pikante Geschichte von meine Oma mitgebracht. Ich dachte erst, ich höre nicht richtig! Es geht um den Brauch, die Taten des alten Valendoc zu feiern. Aber lest selbst …

Wer von euch, meine lieben jungen Hobbits, kennt nicht den Brauch, zur Mitte des Solmath seine Liebste oder ihren Liebsten zu beschenken? Aber wisst ihr auch wie dieser Brauch entstanden ist und dass der Geburtstag des alten Valendoc in früheren Zeiten ganz anders gefeiert wurde?

Das dachte ich schon! Dann werde ich euch zunächst ein wenig in die auenländische Geschichte entführen, damit die heutige Jugend die Ursprünge des Hobbittums nicht völlig vergisst. Später erzähle ich euch eine Valendoc-Geschichte aus meinem eigenen Leben. Aber ihr müsst mir versprechen, diesen Teil für euch zu behalten. Es wäre mir doch etwas unangenehm, wenn bestimmte Personen davon erfahren.

Wer war Valendoc eigentlich, warum wird er der Alte genannt und weshalb feiern wir im Auenland immer noch seinen Geburtstag?

Valendoc von den Falbhäuten wurde vermutlich um das Jahr 923 A.Z. im Nordviertel geboren. Über seine Kindheit ist nichts bekannt. Valendoc selbst behauptete immer, er habe in seinen mittleren Jahren bei einem Zweikampf mit einem Bilwiss, der im nördlichen Brückengau umher schlich, einen gewaltigen Schlag auf den Kopf bekommen und könne sich seitdem nicht mehr an die Zeit davor erinnern. Da er sich auch nicht daran erinnern konnte, woher er kam, nannten ihn alle nur noch den Alten und der 14. Solmath, an dem dies passiert sein soll, wurde sein Geburtstag. Die Leute sagten damals, er sei etwas »verrückt« und meinten damit, dass er immer etwas neben dem Leben der normalen Hobbits stand.

Er lebte in keinem Smial, sondern in einem Zelt aus Fellen und derbem Leinenstoff. Dieses stand nie länger als zwei Sommer an einem Platz, denn er wanderte im Auenland – hier besonders im Nordviertel – und an dessen Grenzen umher. Zuweilen besuchte er sogar die Zwerge jenseits der Auenlandgrenzen. Ein weiterer Beweis, dass er »anders« war, fand sich an seinen Füssen. Er trug derbe Zwergenstiefel. Und das sogar im Sommer!

Er hatte meistens einen mürrischen Gesichtsausdruck und mied die Dörfer der Hobbits. Er war ein guter Jäger und oft in den Wäldern des Nord- und Ostviertels anzutreffen. Wer es wagte, ihn trotz seines abweisenden Äußeren anzusprechen, wurde überaus herzlich aufgenommen und mit einem üppigen Mahl bewirtet. Seine Tafel trug nicht nur feinste Braten, sondern auch ehrliches Bauernbrot, Pasteten, Gebäck, Bier und Wein. Alle Dinge, die er nicht selbst herstellen konnte, tauschte er bei den Hobbits, Zwergen und Elben ein, die er auf seinen Wanderungen traf.

Aber warum feiern wir heute noch ein Fest zu seinen Ehren?

Viele von euch, meine jungen Freunde, denken bestimmt, weil er junge Paare verheiratet und den Bräuten selbstgezogene Blumen geschenkt hat. Das sind Ammenmärchen! Der Alte Valendoc hat niemals nicht Blumen verschenkt!

Und doch spielen sie eine wichtige Rolle.

Es war um das Jahr 1018 A.Z. Der Hohe König war längst tot, Arnor zerfallen und die Heere Angmars hatten sich zurückgezogen. Das Auenland wurde vom Thain in Buckelstadt verwaltet und von den Grenzern beschützt. Trotzdem fielen immer wieder Wölfe oder Bilwissbanden in das Auenland ein. So auch im Frühsommer des Jahres, als Valendoc gerade an abgelegeneren Feldern und Wiesen zwischen Hafergut und Nachtschatten vorbeikam. Eine Wiese, auf der neben dem Gras auch blaue Lobelien, blassgelbe duftende Lissuin, Salbei und ein paar Athelas wuchsen, wurde gerade von einem jungen Bauern gemäht und seine ebenfalls noch junge Gehilfin schichtete das Heu zu Schobern auf. Die beiden waren wohl noch in den Twiens oder gerade erst heraus. Sie sangen ein bekanntes Hobbitlied und die Arbeit schien ihnen leicht von der Hand zu gehen.

Der Alte Valendoc wollte gerade – wie es seine Art war – grußlos vorübergehen, als er bemerkte, dass die beiden von einem Wolfsrudel beobachtet wurden, welches wahrscheinlich aus den Höhen im Norden kam. Die Wölfe begannen bereits die jungen Leute einzukreisen und hofften wahrscheinlich auf eine leichte Beute.

Da Valendoc auf seinen Reisen schon häufiger mit Wölfen zu tun hatte, wusste er, was gleich passieren würde. Er lief zu dem Mädchen hinüber stiess sie wortlos in einen der frisch aufgeschichteten Heuhaufen. Dem Bauernjungen, der hinzugelaufen kam rief er nur ein Wort entgegen: »Wölfe!« und warf ihn ebenfalls in den Schober. Dann bedeckte er beide mit den abgemähten Blüten von Lobelien, Salbei und Lissuin, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Mit zwei Sätzen war er wieder am Feldrand, wo er einige Brombeerranken schnitt, die er ebenfalls über das Paar warf.

Dann nahm er seinen großen Knotenstock und trat den Wölfen entgegen. Diese versuchten zunächst ihre ursprüngliche Beute zu finden. Aber der starke Duft der Blüten verwischte die Spur und die Brombeerranken verhinderten, das die Wölfe ihre Nase tiefer ins Heu steckten. Der Alte Valendoc wusste, oder hoffte zumindest, dass sich das Rudel genau so verhalten würde. Damit hatte er genug Zeit, den Anführer des Rudels und zwei weitere Wölfe mit seinem Knotenstock zu erschlagen. Ein dritter, der ihn hinterrücks angreifen wollte, bekam einen heftigen Schlag auf die Nase und suchte winselnd das Weite. Die beiden verbliebenen taten es ihm gleich und ergriffen mit eingezogenen Schwänzen das Hasenpanier.

Nun befreite Valendoc die jungen Leute, die eng beieinander lagen, aus dem Heu und reichte ihnen einen kräftigen Imbiss aus kaltem Braten, Würsten, weißem Brot und einem Becher roten Dorwinion, den er in einem Schlauch mit sich führte. Die beiden schauten erst etwas verlegen, als wären sie bei irgendetwas ertappt worden. Aber dann nahmen sie die Stärkung nach dem Schreck gern an und bedankten sich dabei immer wieder überschwänglich bei Valendoc. Diese sagt während dessen kein Wort und schaute die beiden nur aufmerksam an. Als das Mahl beendet war, sammelte er Decke und Becher ein und verstaute alles in seinem Beutel. Er bückte sich kurz und sammelte aus dem Heu zwei Blüten auf.

Dem Mädchen reichte er die blassgelbe Lissuin und dem Jungen eine Lobelie. Dass er dabei schmunzelte, konnte nur ein Wissender am Blitzen in seinen Augen bemerken. Dann schulterte er sein Bündel, nahm den Stock und setzte seine Wanderung fort, ohne sich noch einmal umzusehen.

Die jungen Hobbits liefen so schnell es ging zurück nach Hafergut, um diese unglaubliche Geschichte zu erzählen. Der damalige Vorsteher vom Nordhüttinger Hof sagte, dass das nur der Alte Valendoc gewesen sein kann und erzählte den staunenden Hobbits noch einige weitere Geschichten über den kauzigen Alten.

Im Jahr darauf veranstalteten die Hobbits in Hafergut am 14. Solmath ein großes Fest zu Ehren des Alten Valendoc. Dazu wurden Schober aus dem Heu vom Vorjahr errichtet, Lissuin und Lobelien an die Twiens verteilt und diese dann ins Heu gestoßen. Die meisten Twiens kicherten albern dabei und brauchten ungewöhnlich lange, um wieder aus dem Heu hervor zu kommen.

In den folgenden Jahren wurde das Fest wiederholt und dabei immer größer und bekannter, bis es zu einem Brauch im ganzen Auenland wurde.

Nun kennt ihr die Geschichte vom Alten Valendoc und wie der Brauch eigentlich entstanden ist.

In meiner Jugendzeit wurde das Fest in Hobbingen und Wasserau manchmal noch nach diesem alten Brauch begangen. Ich war 25, also mitten in den Twiens, und hatte nur Flausen im Kopf, und so war es kein Wunder, dass wir, meine beste Freundin und ich unbedingt zu diesem Fest wollten.

Als wir zum Fest kamen, war die Verteilung der Blüten und das Heuschubsen schon fast vorüber. Nur zwei fesche Burschen, einer aus dem Bockland und einer aus Finkenschlupf, hatten noch keine Partnerin gefunden, weil sie ebenfalls zu spät eingetroffen waren. Wir fanden uns gleich sympathisch und so stellten wir uns auf.

Alle anderen waren schon zum Festschmaus gegangen oder tanzten zur Musik einer der beiden Kapellen. Der Heumeister verteilte die Blüten und gab uns einen Stoß, so dass wir in einen großen Schober fielen. Seine Arbeit war damit getan und er begab sich wohl zum Stand der hiesigen Brauerei.

Jedenfalls hat uns niemand vermisst und auch keiner mitbekommen, dass wir erst nach einer Stunde aus dem Heu geklettert sind. Der Bursche aus Finkenschlupf sah nicht nur gut aus, der konnte auch ganz toll küssen! Und meine Freundin ahnte nun, dass die kleinen Hobbits nicht vom Klapperstorch gebracht werden. (kichert)

Das ist meine Geschichte zum Fest des Alten Valendoc. Namen nenn‘ ich keine und ich hoffe, ihr erzählt es auch nicht weiter.

Eure Seburga

Aufgeschrieben von Sebylla Silberdistel für den Auenland Boten

5 Gedanken zu „Das Fest des alten Valendoc

  1. Einfach klasse, an welche Geschichte sich hier deine liebe Oma zurück erinnert hat, liebe Seby. Und dein Bericht ist wirklich toll gelungen, mir gefallen auch die Skizzen sehr gut, die du passend zu den Erinnerungen von Seburga angefertigt hast.

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