Einsendung von Valimaro Taurthir – eine Kurzgeschichte

Der Letzte Fang

Es war einmal vor langer Zeit, da lebte ein Zwerg namens Ufuk an einem langen und spiegelklaren See jenseits der hohen Nebelberge und des großen Flusses.

Ufuk lebte abseits eines kleinen Dorfes am Rande, in einer wackeligen Holzhütte, die dem Dorfvorsteher gehörte und welche Ufuks Familie seit frühsten Tagen pachtete.

Der Zwerg Ufuk war ein einfacher Sohn Durins und verdingte sich als Jäger und Fischer im Dorf, um Sommer für Sommer für die Pacht seiner Hütte aufkommen zu können.

An einem laufwarmen Sommertag streifte Ufuk gemütlich durch die nahen Wälder, um seine aufgestellten Fuchs- und Hasenfallen zu überprüfen.

Dort im Unterholz entdeckte der Zwerg einen gewaltigen Rammler, dessen rechter Hinterlauf in einer Falle eingeklemmt war und der völlig verängstigt schien, als der Jäger auf ihn zu kam.

Ufuk war gerade dabei, sein Messer hervorzuholen, da sprach der Hase ängstlich zu ihm:

Hase: „Lieber Jägersmann, meine Frau und ich haben vor einigen Tagen Nachwuchs bekommen und der Fuchs holte meine Liebste letzte Nacht, sodass ich jetzt alleine für unsere Kinder sorgen muss…gewähre mir heute noch einmal deine Gnade und ich werde es dir einst vergelten.“

Ufuk überlegte kurz und erkannte schließlich im Blick des Hasen, dass dieser nicht log, als er seine Bitte an ihn richtete.

Also befreite der Zwerg den Rammler aus der Falle, versorgte dessen Wunde gut und ließ ihn dann wieder seiner Wege ziehen.

Am nächsten Tag entschied sich Ufuk, alle Fallen im Wald zu entfernen, damit er nicht noch einmal in diese schwierige Situation käme, stattdessen wollte er nun lieber mit seiner kleinen Armbrust auf die Jagd im Wald gehen.


Als er vorsichtig und tief in den Wald eingedrungen war, schlich er sich ruhig und gekonnt von Baum zu Baum entlang und erspähte im Dickicht die Fährte eines gewaltigen Hirsches.

Nach einigen Momenten des Spurenlesens und Wartens entdeckte Ufuk ihn grasend auf einer großen Lichtung.
Es war ein majestätisches Geschöpf mit weißem Fell und gewaltigem Geweih.

Ufuk legte einen Pfeil in die Sehne seiner Armbrust und zielte auf den Hirsch, als dieser plötzlich seinen Kopf in die Richtung des Zwerges drehte und mit tiefer Stimme deutlich zu ihm sprach:

Weißer Hirsch: „Lieber Jägersmann, heute hast du mich, den weißen Hirsch, König der Waldtiere hier, gestellt und ich ersuche dich um deine Gnade. Ich sorge mit meinesgleichen für diesen Wald hier und beschütze viele Wesen, die hier leben, verschone dieses Mal mein Leben und lass mich gehen und ich werde es dir einst vergelten.“

Ufuk überlegt kurz, schließlich hatte er erst gestern einem Tier das Leben geschenkt, doch sprach sein Herz zu ihm und überzeugte seinen Verstand, plötzlich doch die Armbrust zu senken und dem Hirsch freundlich entgegen zu nicken.

Daraufhin neigte der weiße Hirsch dem Zwerg dankend sein Haupt entgegen und verschwand langsamen Schrittes an der nahen Waldgrenze im ewigen Grün der Bäume.

Am nächsten und dritten Tag entschied sich Ufuk gegen die Jagd im Wald und legte seine Armbrust beiseite, stattdessen wollte er seine Reusen als Fischer überprüfen gehen, die er stets in Ufernähe seiner Hütte am See aufgestellt hatte.

Als er zwei leere Reusen überprüft hatte, kam er zur dritten Reuse und entdeckte, dass sich ein gewaltiger Rotbarsch, so groß, dass er die halbe Reuse einnahm, im Netz verheddert hatte und wild umherzappelte.

Als Ufuk langsam auf die Reuse zukam und einen Holzprügel aus seiner Umhängetasche holte, um den großen Rotbarsch damit erschlagen zu können, sprach der Fisch aufgeregt zum Zwerg:

Rotbarsch: „Lieber Fischersmann, heute hast du mich, den größten Fisch des langen Sees, in deiner Reuse gefangen und für meinen Leichtsinn verdiene ich sicherlich den raschen Tod durch deine Hand. Ich kann keine Ausrede hervorbringen als die bloße Angst, die aus mir spricht, nicht aus diesem Leben und dieser Welt scheiden zu wollen, bitte verschone mein Leben.“

Und Ufuk sah zum großen Fisch hinunter und empfand Mitleid mit dem Tier, sodass er den Rotbarsch aus den Fangmaschen des Netzes seiner Reuse befreite und ihn zurück in das tiefere Wasser schob.


Als der Fisch schon wieder völlig frei schwimmen konnte, tauchte er noch einmal zu Ufuk auf und sprach:

„Heute hast du mir das Leben geschenkt, auch wenn ich keine Ausrede als meinen Lebenswunsch an dich hatte und dir nichts versprach.“

Ufuk nickte dem Fisch entgegen und machte sich anschließend daran, seine Reusen abzubauen, da er eine solche Situation nicht noch einmal erleben wollte.

Am nächsten Tag kam der Zahltag der Pacht und der Dorfvorsteher kam hinunter zu Ufuks Hütte, um sein Geld vom Zwerg einzufordern.

Doch Ufuk hatte seit drei Tagen keinen einzigen Fang mehr gemacht, weder als Jäger noch als Fischer, sodass er den Dorfvorsteher nicht entlohnen konnte.

Dorfvorsteher: „Pech gehabt“, sprach dieser zum Zwerg.

Dorfvorsteher: „Dann musst du die Hütte morgen verlassen und ich gewähre auch keinen Aufschieb Zwerg! Ein Jäger, der nichts jagd und ein Fischer, der nicht fischt, sind hier zu nichts zu gebrauchen!“

Traurig packte Ufuk daraufhin seine sieben Sachen zusammen und machte sich bereit, die Hütte zum Abend zu verlassen.


Doch plötzlich klopfte jemand laut an die Haustür. Als Ufuk diese öffnete, stand vor ihm eine hübsche, junge Dame mit langen schwarzen Haaren, die makellose weiße Haut besaß und mit einer hellen und zarter Stimme zu ihm sprach:

Junge Dame: „Ich bin Valya, die Herrin des Langen Sees und heute zu dir gekommen, um dir dein Herz zu vergelten, denn es wurde auf die Probe gestellt.

Vor drei Tagen hast du das Leben meines Freundes, dem Hasen, verschont, vor zwei Tagen das Leben meines Bruders, dem weißen Hirsch und gestern das Leben meines Kindes, dem Rotbarsch.

Für die Stimme deines Herzens, die an deinen Verstand appellierte, erhälst du den Schatz des Langen Sees, den ich dir vermache.“

Und als die hübsche Maid vor Ufuk zu Ende gesprochen hatte, öffnete sie ihre weichen Hände und ließ in die großen Handflächen des Zwerges feinsten Goldstaub rieseln, solange und so viel, bis sein Gewicht damit in Gold aufgewogen war und der kleine Raum der Hütte in feinstem Goldstaub getaucht war, der sich zu einem größeren Haufen auftürmte.

Seit jenen Tagen hatte Ufuk immer genug Gold, um seine Hütte behalten zu dürfen, sich etwas zu Essen zu leisten und sogar, um seine Berufung als Jägersmann und Fischer aufgeben und stattdessen fortan als Förster und Waldhüter arbeiten zu können, um den Tieren im Wald und am Langen See noch näher zu sein, ohne sie dabei verletzen oder jagen zu müssen.

Und wenn der Zwerg nicht gestorben ist, dann lebt er noch heute dort am Langen See, jenseits der hohen Nebelberge und pflegt die Tiere am See und im Wald bis an das Ende seiner Tage.

Valimaro Taurthir für den Auenland Boten

Beriamond Bachufer für den Auenland Boten

4 Gedanken zu „Einsendung von Valimaro Taurthir – eine Kurzgeschichte

  1. Ein tolles Märchen mit einer Moral, wie es bei jedem gute Märchen sein sollte. Oma hat es auch sehr sehr gut gefallen, lieber Vali

    Liken

  2. *seufz*
    Und da gibt es immer noch Leute die behaupten wir Zwerge wären herzlos und raffgierig. Vielen Dank an Valimaro den alten Elben, dass er diese Sage hier erzählt hat.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s