Eine denkwürdige Feier

Muhme Seburga plaudert aus dem Nähkästchen

Hallo liebe Leser! Die Oma hatte während der letzten Regentage nichts im Garten zu tun und wieder etwas Muße, uns eine Geschichte zu erzählen. Diesmal geht es um die Feier zum einundelfzigsten Geburtstag des Herrn Bilbo. Viel Spaß beim Lesen!

Gute Tag, meine lieben kleinen Freunde. Ihr habt bestimmt schon von Bilbo Beutlins Geburtstagsfeier zu seinem 111. gehört. Ich werde euch jetzt davon erzählen, wie ich das Fest erlebte, aber nur, wenn ihr versprecht, es für euch zu behalten. Bilder vom Fest habe ich leider keine, ich wusste damals ja nicht, dass ich die mal brauchen würde.

Zu dem Fest waren viele Auenländer eingeladen und natürlich auch ich. Ich erhielt sogar eine besonders schöne Einladung. Schon auf dem Umschlag war die fein geschwungene Schrift Bilbos unverkennbar. In seiner Jugend ist er mir mal nachgestiegen, der Bilbo. Und auch in späteren Jahren hat der alte Schlawiner immer wieder einmal versucht, mit mir anzubandeln. Daraus ist aber nie mehr, als eine gute Bekanntschaft geworden.

Versteht mich nicht falsch! Fesch war er schon der junge Bilbo. Aber er war mir damals schon zu abenteuerlustig für einen anständigen Hobbit. Und ich hatte wohl auch recht. Zwerge, Drachen und diese seltsame Zauberer sind doch wirklich kein Umgang!

Na, als sein Neffe, der Frodo, bei ihm eingezogen ist, ist er auch ruhiger geworden. Bis dann am 22. Halimath des Jahres 1401 sein großes Fest zum einhundertundelften Geburtstag gefeiert werden sollte. Da war schon Wochen vorher ein Gewusel in Hobbingen, es wurde gehämmert und gesägt, auch Zwerge halfen bei den Vorbereitungen. Es wurden viele seltsame Dinge aus fremden Landen nach Beutelsend gebracht. Wir anständigen Hobbits fanden das – gelinde gesagt – merkwürdig.

Beim Fest waren dann trotzdem alle da. Kostenfreie Speisen und Tränke und dann noch ein Geschenk für jeden, das wollte sich niemand entgehen lassen. Besonders, da man die Freigiebigkeit von Bilbo Beutlin im ganzen Auenland kannte.

Es war dann auch eine sehr schöne Feier. Es gab die feinsten Speisen, Törtchen und Kuchen von einer hiesigen bekannten Bäckerei, Fässer mit Met und Bier aus dem Efeubusch, dem goldenen Barsch und dem Gasthaus Goldener Stern standen in einer Ecke und der junge Pausbacken schenkte reichlich davon aus. Auf der anderen Seite der Festwiese gab es sogar richtiges Zwergenbier aus den Ered Luin. Der Ausschank wurde hier stilecht von einem Zwerg geführt. Für Leute, wie mich, die kein Bier mögen, gab es auch verschiedene Weine. Einer war sogar aus dem fernen Dorwinion. Das soll irgendwo ganz ganz weit im Osten liegen. Aber Bilbo hat mir verraten, das er das Fass in Bruchtal bestellt hatte, was ja nicht ganz so weit im Osten liegt.

Ale Bekannten und Freunde von Bilbo waren gekommen, um ihn zu feiern. Auch seine Verwandschaft war vollzählig erschienen. Wobei ich immer noch glaube, das die Sackheim-Beutlins nur aufpassen wollten, dass Bilbo nicht das ganze erbe verschenkt.

Wir haben gegessen und getrunken, getanzt und gelacht und Bilbo ist herum gegangen und hat sich mal mit diesem und mal mit jenem unterhalten.

Kurz vor dem Feuerwerk, bei dem Peregrin Tuk und Meriadoc Brandybock, diese beiden Lauser, natürlich wieder ihren Schabernack trieben. Kam der alte Bilbo auch zu mir. Wobei alt hier relativ ist. Er war deutlich älter als ich, sah aber keinen Tag älter als 70 aus. Da kann man schon mal neidisch werden. Jedenfalls kam er zu mir und begrüßte mich freundlich. Er fragte mich nach meinen Kindern und meinem Mann. Als er hörte, dass ich schon seit zehn Jahren Witwe bin, seufzte er und murmelte nur: »Bei dir bin ich immer zu spät, Seburga. Wenn ich das früher gewusst hätte, würde ich dir das Heim der Elben zeigen …«

Ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Aber gerade, als ich ihn fragen wollte, setzte die Musik wieder ein und er nahm meine Hand und drehte mich wie ein junges Ding. Wir haben dann noch zwei Runden gewalzert und ich muss ehrlich zugeben, Bilbo ist ein ausgezeichneter Tänzer gewesen. Das hätte man von dem alten Junggesellen nie gedacht.

Dann ging plötzlich das Feuerwerk los und nach einem lauten Knall kam ein riesiger feuriger Drache auf und zu geflogen. Ich bekam einen fürchterlichen Schreck und schmiegte mich eng an Bilbo, der mich auch tapfer beschützte. Dann, als der Drache über die Wiese hinweg geflogen war, ohne alles zu versengen, drückte er mir einen Kuss auf die Wange und rief: »Mach’s gut, altes Mädchen!« und war weg.

Ich stand ziemlich verdutzt da und hatte ein schön verpacktes und verschnürtes Päckchen in der Hand, die Bilbo eben noch gehalten hat. Auf einem kleinen Zettel, der an dem Päckchen befestigt war, stand in Bilbos Schrift: Nicht vor Mitternacht öffnen.

Bilbo stand dann auf einem Stuhl neben dem Festbaum und forderte alle zum Zuhören auf. Als endlich Ruhge einkehrte, hielt er seine denkwürdige Abschiedsrede und … verschwand.

Alle hielten erschrocken die Luft an und fragten sich, ob da Zauberei im Spiel ist. Bis Frodo, der ja auch Geburtstag hatte, alle einlud weiter zu feiern. Ich wollte nun aber wissen, was Bilbos Geschenk, denn nichts anderes war das Päckchen, wohl sein mochte. Ziemlich nervös zupfte und zerrte ich an der Verschnürung, bis ich die Schleife endlich aufbekam.

Das Päckchen enthielt etwas, das auf den ersten Blick aussah, wie eine Spieluhr. Bei genauerem Hinsehen war es eine kleine gläserne Haube, die passgenau auf einen polierten grünen Stein gesetzt war. Vermutlich eine Zwergenarbeit, die Bilbo extra in Auftrag gegeben hatte. Unter der Glashaube war eine getrocknete Blüte, die mir seltsam bekannt vorkam.

Ich schluckte trocken und schaute mir das Stück genauer an. Auf dem kleinen steinernen Sockel war mit feinen goldenen Buchstaben Folgendes eingraviert: Dich konnte ich nicht bekommen, eine Andere wollte ich nicht. Deshalb habe ich nie geheiratet.

Das war also die Blüte, die ich Bilbo damals in unserer Jugendzeit oberhalb von Michelbinge geschenkt und ihm gesagt hatte, dass zwischen uns nie mehr als Freundschaft sein würde. – Armer Bilbo! Aber auch wenn ich es gewusst hätte, wäre nichts anders gewesen.

Eure Seburga

Aufgeschrieben von Sebylla Silberdistel für den Auenland Boten

4 Gedanken zu „Eine denkwürdige Feier

    1. Tja Beuno, er hat’s nicht herum erzählt und ich auch nicht. Woher hättest du es wissen sollen. Aber jetzt sind wir beide so alt, dass keine Gerüchte mehr entstehen werden.

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